Vorsicht! Fernsehzeitung!

Gezz mal ehrlich – so unter uns –
und ausserhalb vonne ärztliche Schweigepflicht:
Spürste dat auch, datte Dich nich so richtich gut fühlst?
Datte immer mal so´n bissken schlapp biss, und datte manchmal so´n Völlegefühl hass?
Auch, datt Dein Haar nich mehr so am Glänzen is?
Wenne Glück hass, hasse ja strapaziertet Haar, wat auch logisch is,
weil Du biss ja auch die ganze Nacht am Draufliegen.
Sowat hält auch dat dickste Pferdehaar nich aus.
Aber da gibbtet Schampong für. Oder gegen.
Wenne aber Pech hass, is das mangelhafte Ernährung.
Ja, dat kannze nachlesen inne Fernsehzeitung.
Und wat is mitte Nägel: kumma genau hin: sind se brüchich?
Und die Haut? Schlaff, die alte Pelle?
Tipp ausse Fernsehzeitung:
Äppel essen, weil, inne Schale is Urolsäure drin, dat hilft.
Haben Experten rausgefunden.
Und gezz kumma ganz genau hin: Na?
Dat Braune da auffe Hände! Dat is nich Restbräune vom letzten Sommer.
Gezz musse ganz tapfer sein: dat sind Altersflecken! Jau. Der Lack is app!
Wat wahr is, is wahr, und die Fernsehzeitung is da schonungslos.

Und bevor Du weisst
, wann im Fernsehn Alarm für Cobra 11 kommt, wirsse aufgeklärt, datte vielleicht Alarm im Darm hass, und datt dat verschluckte Luft sein kann, oder – und dat is der Knaller(!): Gasbildung im Darm!!!Und statt  Lafer!Lichter!Lecker!  auffe Mattscheibe – spürste plötzlich Grummel!Donner!Blubber!  inne Bauchgegend und Dir wird ganz mulmig umme Rosette. Gasbildung im Darm! Hömma!
Da krisse aber Schiss, datte zum Explosivgeschoss wirss und hass Angst um Dein Leben und umme Tapeten.

Dat kommt vonne Fernsehzeitungen!
Die sind dat Schuld, datte krank wirst.

Und dat geht so:

Du fühlst Dich tofte, allet ist gut, Du hass gute Laune und willz mal gucken, wat heute im Fernseh kommt.
Dann schlägste die Fernsehzeitung auf, biss am Durchblättern und auf einmal: ZACK! – hasse statt dat Fernsehprogramm 23 neue Krankheiten am Balg.

Die machen sich sofort bemerkbar: hier zieht et anne Schulter, da im Kreuz, dat Herz fängt am rasen, Kribbeln inne Beine und Gas inne Gedärme, worauf sich Deine Libido sofort erst mal ausklinkt.
Gut, datt inne Fernsehzeitung auch gleich Tipps für die Medikamente gegen allet angeboten werden: gegen Nagelpilz, Scheidentrockenheit, Gurkenglasschwäche, Blähbauch, Sodbrennen, Altersflecken, Gürteltierose, Morbus Zalando und wat et nich allet an fiese Krankheiten gibt.

Und dat is der Trick vonne Fernsehzeitung
: erst macht se Dich krank, dann kaufst Du alle Gegenmittel, für die die Hersteller im Blatt gegen Geld auf Deubel komm raus Reklame machen. Dat is ein richtigen Kreislauf.

Und Du?
Du biss dat leidende und zahlende Opfer und guckst inne Röhre.
Aber nich in die vom Fernseher.

Wat kann man dagegen tun?
Einfach nich allet glauben, wat inne Fernsehzeitung steht und sich nur auf den Programmteil beschränken.
Der Beschiss fängt doch schon mittem Name an:
HÖR ZU.
Für ´ne Fernsehzeitung!
Allet klar?

Bissi Tage!

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Radio & Kinderfunk. Die 50er.

Den ganzen Morgen bin ich in der Schule nicht so richtig bei der Sache,
denn gestern abend sprach meine Mutter in ihrem ostpreussischen Dialekt:

„Jungchen, ich hab mir was ieberlegt. Ich werde morjen mal bei Heitjohann fragen jehen nach einem Radio.“  Heitjohann ist das Radiogeschäft in Gelsenkirchen-Erle auf der Cranger Straße, gleich neben dem Postamt. Und ein Radio besitzen wir nicht. Noch nicht.

Wir bekommen ein eigenes Radio!
Das Neueste aus dem Rundfunk erzählt uns immer die alte Frau Urban von nebenan. Sie hat so einen kleinen schwarzen Kasten auf einer Kommode neben dem Lichtschalter stehen. Mit einem gehäkelten Deckchen darunter.
Bei „Tante Urban“ darf ich auch sonntags um zwei Uhr immer den Kinderfunk vom NWDR hören. Das ist zwar schön und spannend und ich freue mich auch immer drauf. Aber bei Tante Urban riecht es immer nach „alter Omma“. Und bei ihr ist alles irgendwie fromm und ordentlich, dass ich mich nur traue, mucksmäuschenstill und stocksteif auf dem Stuhl vor ihrem Radio zu sitzen, um mir die neuesten Abenteuer von „Pingo, Pongo und dem starken Heinrich“ anzuzuhören. Und wenn der Kinderfunk vorbei ist, sag ich immer brav: „Danke, Tante Urban.“  Klar, gehört sich so.

Endlich ist die Schule aus. Ich muss immerzu an das neue Radio denken und wünsche mir ganz feste, dass es schon da ist, wenn ich gleich nach Hause komme. Ich renne die Treppenstufen zu unserer kleinen Dachgeschosswohnung hoch und höre schon im Hausflur leise Musikgeräusche aus unserer Küche kommen. Ich öffne die Wohnungstüre und sehe es schon:

Unser neues Radio! Links neben der Türe zum Schlafzimmer steht es auf einem kleinen Tischchen. Und es „spielt“.

Kinderfunk Kohlenspott

Es ist nicht so groß wie das von Onkel Otto und Tante Martha vom Hedwigplatz, die schon länger einen Radioapparat, sogar mit Schallplattenspieler, haben.

„Nu jeh mir da bloß nich dran, du Lorbaß. Nur gucken!“ Ich betrachte das neue Radio von allen Seiten. Es riecht. Nach neu. Nach Radio. Obendrauf ist es warm. Es hat unten links und rechts jeweils einen runden Drehknopf aus elfenbeinfarbigem Horn mit einem Goldrand drum. In der Mitte, zwischen den Knöpfen eine Reihe mit Tasten, die man runterdrücken muss: Aus-TA-MW-UKW-LW.
Der linke Drehknopf ist zweigeteilt: der kleinere vordere Ring ist zum laut– und leiser stellen und der etwas größere Ring dahinter zum Toneinstellen: dumpf oder klar..

„Nu verstell mir da nüscht! Hast Du nicht welche Schularbäiten auf?“
Für die blöden Hausaufgaben habe ich jetzt keine Zeit: „Nö. Nur wenig, mache ich später, darf ich dat mal ausprobieren? Ich mach schon nix kaputt.“
Meine Mutter verbietet mir selten etwas so richtig.

Mit dem rechten Knopf stellt man also die Sender ein. Aha. Das ist spannend, denn über den Knöpfen und Tasten gibt es eine schwarze Glasscheibe, auf der neben- und untereinander Städte- und Sendernamen in Goldschrift zu lesen sind: BAYR.RFK – Vatikan –Bremen – Budapest – NWDR – Kalundborg – Beromünster – England – RIAS…. Neben jedem Namen hat das schwarze Glas dann einen kleinen hellen Streifen, der von hinten beleuchtet ist.
Dreht man an dem rechten Knopf, bewegt sich ein Zeiger hinter dem Glas und zeigt auf den eingestellten Sender. Das ist aber nicht das eigentlich Spannende, sondern das grüne „magische Auge“ ganz links in der Glasscheibe! Das ist die Wucht. Verstellt man den Sender, verändert sich das grün beleuchtete Auge. Der Sender ist erst dann richtig eingestellt, wenn das Auge an allen Seiten richtig hellgrün ist und die Lichter in der Mitte des Auges nicht übereinander liegen. Das muss im Dunklen ganz toll aussehen….
Die Töne kommen aus der Stoffbespannung darüber. Dahinter ist nämlich der Lautsprecher.

In einem braunen Papier-Umschlag finde ich die Beschreibung für unser neues Radio und einen  aufklappbaren Plan mit Zeichnungen, die ich nicht verstehe. Dazu ein Papier von „Radio Heitjohann“, auf dem ich lesen kann, dass meine Mutter das Radio für 330 Mark gekauft hat. 50 Mark hat sie angezahlt. Der Rest ist in Monatsraten pünktlich und bar…

Wir haben ein eigenes Radio! Das muss ich meinen Freunden Hermann und Bernd erzählen. Die werden Augen machen, denn jetzt können wir bei uns zu Hause auch mittwochabends den englischen Schallplattenjockei Chris Howland hören, der immer so lustig spricht: „Hallo meinar Freundar! Booooing! Sitzen Sie bäquäm. Hier ist ähr alte Freund Heinrich Pumpernickel!“ Und dann spielt er die neueste englische Musik, von der ich aber kein Wort verstehe. Aber Hermann und Bernd sagen, das wäre ganz neumodern.

Vielleicht darf ich dann endlich auch einmal eins dieser Kriminalhörspiele mit Kommissar Paul Temple hören, von denen alle immer sagen, wie spannend die sind…

Ich werde Mutti schon rumkriegen…


Persönliche Kindheitserinnerungen an die Zeit um 1957 und danach in Gelsenkirchen, der Zeit der Pettycoats und der des Wirtschaftswunders mit seinen Erstmaligkeits-Erlebnissen, wie das erste Radio, den ersten Fernseh-„Apparat“…
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Leben verlängern? Man nehme eine Gurke, einen Wasserhahn und Käse…

Das Methusalem-Kompott!ehu-d7-51d9Hier gefunden

Super! Dann nehme ich drei Gurken, drei Wasserhähne und die dreifache Portion Käse.

foeveryoung-kohlenspott

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Hinlegen! Heute ist Weltschlaftag!

Verdelli,
und ich habe gedacht, es liegt am Wetter
, dass ich heute müder bin als sonst.
Dem geschätzten Kollegen TRITHEMIUS erging es heute ähnlich.
Nun aber haben wir die Lösung:
Heute ist WELT-SCHLAFTAG!dunkelAlso: sofort alles stehen-, und liegenlassen, Licht aus und: HINLEGEN!

Ruhet sanft.

 

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Gezz aber! Bücher freilassen!

Verdelli!
Isset nich komisch mittem Frühling?

Du guckst morgens aussem Fenster und biss erstmal beruhicht, weil: Draußen is noch da. Schomma gut.  Aber et is irgendwie heller und die Vögel sind umme Wette am krakeelen. Dat ist zwar noch wat ungewohnt, aber Du merkst, dattet Dir irgendwie gefällt, und datte Dich als eingefleischten Morgenmuffel noch nichma gegen gute Laune wehren kannz.

Jau. Dat is Frühling.

Dann aber kommt et noch dicker: Du hass irgendwie ein Kribbeln. Wo genau, weisse nicht, aber Du hasset. Du willz am liebsten gezz wat machen. Watt – dat weisse aunich, aber Du weiss, datte dat willz.

Dann bisse Dich am umgucken inne Wohnung. Und hass den Drang, allet mal wieder ´n bissken mehr auf Vordermann zu bringen. Jau! Du versprürs auf eima sonne Sehnsucht nach Luft und Licht inne Bude! Dann machsse dat Radio an und hörst Silbermond:

„Du nimmst all den Ballast
und schmeisst ihn weg
Denn es reist sich besser
mit leichtem Gepäck
mit leichtem Gepäck…“

Jau! Gezz weisse, womitte anfängss: Du entrümpelst erst mal Deinen Bücherschrank. Dat wollteste schon die ganze Zeit, biss aber irgendwie nich dazu gekommen. Dafür aber gezz. Gezz hasse nämlich Tatendrang. Bei Frauen heisst dat „Nestbautrieb“.
Bei Dir heißt dat: Platz schaffen – Bücher freilassen.

Also, leere Kiste schnappen und ran an die Schwarten!
Wat aber gar nich so einfach ist: so manchet Buch hasse fast schon ein Leem lang, an manchet kleben Erinnerungen, dat sind Schätze, die gibsse nich ab. Die meisten aber, die hasse, wenn überhaupt, einmal gelesen und dann im Bücherregal oder in Kisten eingesperrt.

Und gezz mal ehrlich: hat so´n Buch dat verdient, datt et leemslänglich damit rechnen muss, nich mehr gelesen zu werden, wat ja seine Bestimmung is?

Und hat die Omma nich mal gesacht, datt so´n Sarg keine Regale hat? Recht hattse.

Ich happet gezz gemacht: Bücher befreien. Und et ging leichter, als ich dachte. 
Die Freigelassenen happich in Oberhausen zum Öffentlichen Bücherschrank *  gebracht.Ashampoo_Snap_2017.03.14_13h23m57s_002_Dat Schöne dabei: ich bin meinem Frühlings-Tatendrang gefolgt, wat sich schomma gut anfühlt, zu Hause happich Platz geschaffen, wat schön befreit – und die Bücher finden jemanden, der sie liest. Dat haben Bücher bestimmt lieber, als im Regal dahinzugilben.

Pssst!  Ich konntet nich lassen, heute mal zu spinxen, ob meine Bücher noch da sind.
Die meisten sind schon weg.
Is doch schön, oder?

Bissi Tage!
Lo


*) Öffentliche Bücherschränke der Mercator-Stifung stehen in Bochum, Castrop-Rauxel, Dortmund,Essen, Gelsenkirchen, Hagen, Hattingen, Oberhausen, Recklinghausen und Witten.
Und natürlich auch in ganz Deutschland verteilt: Liste der Öffentlichen Buchschränke in Deutschland
Auch eine tolle Idee: BOOKCROSSING: Bücher einfach irgendwo „liegenlassen“.
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Kinderträume aus Blech in den 50ern und danach.

„Wenn die Haare weiß werden, werden die Erinnerungen grün.“


Ja, und ich erinnere mich sehr gern…
…an die Zeiten, in denen mir ich als kleiner Knirps die Nase am Schaufenster des kleinen Spielwarenladens „Herden“ in Gelsenkirchen-Erle plattdrückte, weil sich hinter den Scheiben die Objekte meiner Kinderträume befanden, für die mein Taschengeld niemals ausreichen konnte, denn die Fürsorgeunterstützung, von der wir lebten, reichte gerade für das Notwendigste, und so blieben die Wünsche meist unerfüllt.

Allerdings hatte meine Freunde diese tollen Spielsachen, an denen ich teilhaben durfte: , die, wenn man sie mit einem Schlüssel aufzog, schnurrten und ihre Kurven drehten, bis das Federwerk seine Kraft verlor und wieder neu aufgezogen werden wollte.

Später dann, als Erwachsener, habe ich mir die versagten Kinderwünsche
nach und nach erfüllt, sammelte jahrelang die wunderschönen alten Blechspielzeuge
von Schuco, Lehmann und den anderen Herstellern.
Ich besuchte sogar einmal den Blechspielzeug-Experten Rudger Huber in seinem Haus
im Bayerischen Wald, bestaunte all die bunten Spielsachen von „damals“ und schaffte mir nach und nach eine kleine bescheidene Sammlung an, die ich wie einen Schatz hüte.

Und manchmal mache ich Kartons auf, nehme die Spielsachen in die Hand,
ziehe die kleinen Autos mit dem Schlüssel auf, lasse sie schnurren, laufen, fahren
und bin versunken und fern des Alltags – und ein wenig auch wieder Kind.

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Schuco. Der Schlüssel.

Neulich kam mir der Gedanke, in unregelmässiger Folge meine Spielzeugkiste zu öffnen, um meine geschätzen Blogbesucher an diesen Kinderträumen von „damals“ teilhaben zu lassen. Ehrlich gesagt, mache ich mir selbst damit auch eine Freude.

Vor ein paar Jahren habe ich einmal eines der kleinen technischen Wunderwerke von Schuco aus Blech filmisch festgehalten:

Der Schuco „Mirako-Bus 1004“.

Die Besonderheit: dieses Auto fiel nicht von der Tischkante!
Es stammt noch aus der U.S.-Zonen-Zeit*, läuft aber noch wie am Schnürchen.

Hier der Beweis:

MEDION DIGITAL CAMERA

Auszug aus dem Prospekt:
Die SCHUCO-MIRAKO-Autos fahren auf jeder Fläche ohne herabzufallen.
Sie lenken am Rande der Lauffläche um, als würden sie von einer unsichtbaren Hand gesteuert. Auf ganz kleinen Flächen, Zigarettenschachteln etc., drehen sie sich im Kreis herum, ohne abzugleiten.“

Hach.. 🙂


Dankeschön an meinen Gelsenkirchener-Geschichten-Freund „Benzin-Depot“ für die Überlassung des Schuco-Prospektbildes.
*Die Fa. Schuco saß in Nürnberg, damals amerikanische Besatzungszone, so sind diese Spielzeuge an ihrem Aufdruck „Made in U.S. Zone Germany“ zu erkennen.

 

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Luxus pur und bittere Armut. Eine Reise.

In Rom, Athen, und bei den Lappen,
da späh´n sie jeden Winkel aus,
indes sie wie die Blinden tappen
daheim im eignen Vaterhaus.


Als ich noch ein Kind war, kannte ich niemanden, der schon einmal „mit einem richtigen Flugzeug“ geflogen ist. So etwas konnten sich nur Reiche leisten, oder Könige, Politiker und Filmstars. Und hätte man mir als 10jährigem prophezeit, dass ich später in meinem Leben ganz oft in die Welt fliegen werde, so hätte ich es nicht geglaubt.

Und heute? Heute ist es scheinbar völlig normal, in den Urlaub, zur Arbeit oder -wer´s braucht- „mal eben zum Shoppen“ in irgendwelche Metropole zu fliegen.
Mit einem „richtigen Flugzeug“.

Was das Fliegen anbetrifft, so ist mir mein kindliches Staunen bis heute nicht abhanden gekommen. Am liebsten habe ich einen Fensterplatz. Ich genieße das Starten, das Fliegen und dabei alles von oben betrachten zu können. Immer wieder. Und ich staune dann wie ein Kind, dass so ein schweres Flugzeug fliegen kann.
Auch die erklärenden Begriffe Schwerkraft, Auftrieb, Vortrieb und Widerstand können wir mein Staunen nicht nehmen. Nö.

Vor wenigen Tagen kam ich von einer Reise zurück, die – was die unterschiedlichen Länder anbetrifft, so gegensätzlich war, dass ich vermutlich noch eine ganze Weile dazu benötige, alles Gesehene und Erlebte zu verarbeiten.

Der Flug ging zunächst in die Vereinigten Arabischen Emirate am Persischen Golf nach Dubai: hier erlebt man einen unvostellbaren verschwenderischen Reichtum, die höchsten, glitzernden Gebäude der Welt, die teuersten Hotels, Autos, Schiffe, Yachten, Villen auf künstlichen Inseln, Mamor, Gold, eine 85 Meter hohe Skihalle mit allem, was zum Skilaufen in der Wüste nötig ist.
Ehrlich gesagt: mein Staunen wurde vom Erschrecken über so viel Protz begleitet…
Und irgendwann dachte ich daran, dass ich diesen überbordenden Prunk wohl an  meiner heimischen Tankstelle mitbezahle.

Nach zwei Seetagen auf dem Arabischen Meer dann der absolute Gegensatz: Mumbai (ehemals Bombay/Indien).


Überbevölkerte Slums, Armut und Elend in direkter Nachbarschaft mit Hochhäusern, unvorstellbare hygienische Zustände, ein dicker Smog, der keine weite Sicht zulässt, es riecht nach allem, was man lieber nicht riechen, und erst recht nicht sehen möchte. Ein undefinierbar süßer Geruchmix aus Abgasen, Gewürzen und (fehlender) Kanalisation bei hoher Luftfeuchtigkeit, ein nie endendes lautes Gehupe, ein Verkehrs- und Menschengewimmel und Müll, wohin man schaut. Menschen leben bettelnd auf der Straße, ganze Familien ohne ein Dach über dem Kopf.
Hübsche Menschen, freundlich, strahlend, lächelnd, bunt. Und bitterarm.
Vor wenigen Tagen noch der Glitzerluxus in Dubai…..
Welch ein Gegensatz.

Die Reise ging weiter nach New Mangalore, einer Hafenstadt im südwestindischen Bundesstaat Karnataka. Hier fanden wir ähnliche Zustände und den gleichen Geruchmix.
Wir besuchten Fischer in ihren ärmlichen Hütten, sprachen mit Frauen, die nur davon leben, dass sie zu Hause kleine Zigaretten drehten, die sie zum Verkauf in der Stadt anbieten. Die Freundlichkeit der Menschen war aufrichtig und deutlich spürbar.

Die nächste Station war Goa an der mittleren Westküste Indiens. Hier war alles grüner und gefälliger Es hatte für mich etwas von Kuba. Kleine bunte Häuser, viel Grün, sauberer.
450 Jahre lange war Goa eine portugiesische Kolonie und hat sich dadurch kulturell anders als das übrige Indien entwickelt.

Nach zwei weiteren Seetagen ging es wieder zurück in Richtung Luxus in die Emirate: nach Muscat (Oman) , weiter nach Abu Dhabi und am Ende wieder nach Dubai.

Solche Gegensätze, – hier der pure verschwenderische Luxus und dort die bittere Armut – alles zusammen in einer Reise erlebt zu haben, hinterlässt Spuren und wirkt noch sehr lange nach…


„Ich war noch nicht überall, aber es steht auf meiner Liste.“

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