Kirmes im Pott. Damals.

„Hasse schon gehört? Auffem Markt sind se am Kirmes aufbauen!“ 

Da gab es kein Halten mehr: da mussten wir hin! Kirmes. Was den Zauber und die Anziehungkraft von Kirmes auf uns Knirpse aus Gelsenkirchen-Erle ausmachte, traf sicher auch auf alle Kinder der Welt zu.

Kirmes. Das bedeutete: erst einmal gucken, „wat da aufgebaut wird, wat da hinkommt.“
Danach dann die Überlegung: „Wie kommsse gezz an Geld für die Kirmes?“

So dicke hatte es keiner von zu Hause aus. Man lebte entweder „vonne Zeche Graf Bismark“ oder, so wie ich zu Hause, „vonne Fürsorge“.

Leere Bierflaschen suchen,  war eine Möglichkeit. Für eine leere Pulle gab es 20 Pfennige Flaschenpfand. Fünf Pullen also eine Mark – dafür konnte man dann drei Mal mit dem „Selbstfahrer“ (AutoScooter) fahren. Oder mit der rasanten Fellerhoff-Raupe, die aber „mehr wat für die Großen war, die mit ihren „Schicksen“ nur darauf warteten, datt sich zum Ende der Fahrt dat Verdeck schloss…“


Kirmes. Damals. Aus der Sicht der kleinen Knirpse:

Kirmes Raupe Lo

Kumma! Kirmes!

Boah! – Kumma!
Auf´m Erler Markt is Kirmes.
Ham´se bis gestern aufgebaut.
Mit Selbstfahrer-Autos. Hömma! Die kannze selber lenken.
Weisse watt?
Ich tausch Bierpullen um,
dann kann ich n´paarmal damit fahrn.

Kumma!
Dat Schild da:
„Junger Mann zum Mitreisen gesucht.“
Boh, überleech ma:
da kannze jeden Tach umsonz fahren.
Weisse watt?
Die Großen ham´et gut.

Kumma!
Dat Pony-Karussell.
Stinkt nach Sägemehl und Pferdekacke.
Immer inne Runde bei dem lauten Kirmesgedöns.
Weisse watt?
Die Klepper werden doch rammdösig.
Is auch mehr watt für kleine Blagen.

Kumma!
Der Besoffene da!
der schmeißt´n Tacken innen Boxautomat.
Gezz kloppter auf dat Leder.
Wat sacht der Zeiger? FLIEGENGEWICHT.
Weisse watt?
Der hat doch nix inne Mauken!

Kumma!
Die Fellerhoff-Raupe!
Hat die ´n Zacken drauf.
Hömma: dat is Rock´n Roll.
Weisse watt?
Wenn dat Verdeck zugeht,
knutschen die Großen immer mit ihre Weiber.

Kumma!
Ich schleich mal unter die Raupe.
Vielleicht hat einer watt Geld verlorn
von oben durche Holz-Ritze.
Weisse watt?
Wenne auch nix findest,
kannze dafür die Schicksen untern Rock gucken.

Kumma!
Meine große Schwester!
Mitten Lebkuchenherz.
„Für immer Dein“
Weisse watt?
Dat hat die vonnem Itacker.
Den kennt´se vonne Eisdiele.

Kumma!
Die Schießbude!
Dat soll ja allet Beschiß sein.
Die haben die Knarren extra krumm gemacht,
damitte nich triffss!
Weisse watt?
Probiern würd ich dat trotzdem mal.

Kumma!
Die Selbstfahrerautos von Biermann!
Wat sacht die da anne Kasse?
„Einsteigen und Platz nehmen
zu einer neuen lustigen Autofahrt?“

Weisse watt?
Datt könnt ich den ganzen Tach.

Hömma!
Wenn ich gezz ne Mark hätte…

Lothar Lange



Die „Fellerhoff-Raupe“, die „Selbstfahrerautos“ von Biermann, und das leckerste Kirmes-Eis der Welt von „Schmalhaus“ sind seit vielen Jahrzehnten traditionell auf den Rummelplätzen des Ruhrgebietes vertreten.  Ein „Tacken“ war im Ruhrgebiet die Bezeichnung für einen Groschen, 10 Pfennige. Als eine „Schickse“ wurde etwas abfällig die augenblickliche Freundin, auch „Perle“ benannt. Der „Itacker“ war ein italienischer „Gastarbeiter“.

 

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Über Lo

Wer im Schatten des Förderturms der Gelsenkirchener Kohlenzeche Graf Bismarck aufgewachsen ist – zu einer Zeit, als man tatsächlich noch vom “schwatten Kohlenpott” sprechen konnte, weil damals “Wäsche auffe Leine” nicht lange weiß blieb, wer sommerliche Badefreuden nicht am blauen Meer, sondern am Ufer des Rhein-Herne-Kanals – der so genannten “Frikadellen-Riviera” – genoss und sich als Kind über “Hasenbrot” freute, was in Wirklichkeit nichts anderes war, als die wieder mit nach Hause gebrachten Stullen, die vom Vater als Bergmann unter Tage nicht aufgegessen wurden, wer schon als kleiner Knirps ganz stolz für 50 Pfennige Belohnung 20 Zentner regelmäßig vor dem Haus angelieferte “schwatte” Deputatkohle in den Keller schippte, der hatte eine vielleicht arme, aber trotzdem abenteuerliche und schöne Kindheit zur Zeit der Pettycoats und des Wirtschaftswunders. Meine Wurzeln sind der Kohlenpott und seine Menschen mit ihrem besonderen, grund”ährlichen” Charm. Gezz weisse Bescheid, oder?
Dieser Beitrag wurde unter 50er Jahre, Damals im Ruhrgebiet, Gedichtet, Gelsenkirchen, Kindheit im Pott, Ruhrdeutsch, Ruhrpott abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

9 Antworten zu Kirmes im Pott. Damals.

  1. Mallybeau Mauswohn schreibt:

    Lieber Lo!
    Ich bin mir sicher, Sie wären locker zu einer Mark gekommen, wenn Sie sich damals an den Straßenrand gestellt und selbst geschriebene Gedichte aufgesagt hätten. Da macht Ihnen keiner was vor! Vielleicht wären Sie dann bei all den Einnahmen heute stolzer Besitzer eines ganzen Jahrmarktareales 🙂
    … aber was nicht ist, kann ja noch werden …
    Herzliche Grüße in den Pott
    Mallybeau

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    • Lo schreibt:

      Au ja,das wäre etwas, liebe Mallybeau.
      Als Kind hätte ich mir bestimmt am liebsten den AutoScooter gekauft und wäre den ganzen Tag darauf herumgefahren.
      Heute würde ich mir stattdessen eine schöne große alte Kirmesorgel kaufen, so wie man sie heute immer noch in Holland durch die Strassen ziehen sieht.
      Rummelige Grüße an die Alm!
      Lo

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      • Mallybeau Mauswohn schreibt:

        Das klingt sehr gemütlich. Und lässt sich bestimmt auch jetzt noch wesentlich besser bewerkstelligen als ein Autoscooter-Gehege. Ich würde Ihrer Musik in jedem Falle zuhören 🙂

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      • Lo schreibt:

        Au, Fein!
        Ihre Kühe hätten auch etwas davon, man sagt, Kühe mögen Musik, und dass die Milchproduktion bei Musikberieselung gesteigert wird. Davon machen wir dann Michshakes und verkaufen sie auf der Kirmes. Vom Ertrag kaufen Sie sich dann eine Kirmesorgel für die Alm.

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      • Mallybeau Mauswohn schreibt:

        Hervorragend! Ich glaube, die Milch der Kühe würde besonders gut schmecken, wenn sie Beatles-Musik zu hören bekämen.
        Vielleicht eine Lo´sche Neudichtung? 🙂

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    • Lo schreibt:

      Vielleicht:
      „All You Need Is Muh!“
      „She Melks You“
      oder
      „Lady Muhdonna“?

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  2. rejekblog schreibt:

    Letztes Jahr war ich auf der Saarner Kirmes in Mülheim. Dort gab es gleichzeitig eine Parade von alten Kirmes-Orgeln und ich olle „Orgelpfeife“ mittendrin. War sehr, sehr beeindruckend. Ich weiß allerdings nicht, ob diese Veranstaltungen immer auf einander treffen. Teilweise wurden diese Schätze auch zum Kauf angeboten.

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  3. wholelottarosie schreibt:

    Toll geschrieben.
    Einfach super..

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