Soleier. Kneipenkultur damals im Pott.

eierzeit

Heute war es wieder soweit: Eier wurden gekocht und in bunte Farben getaucht.
Als ich diese Eier in den Farbgläsern so vor mir sah, hatte ich plötzlich ein Bild aus längst vergangener Zeit vor mir:
Die 60er Jahre. Ich sah den alten, verrauchten Gasthof namens „Erler Hof“ in unserem Nachbarhaus auf der Cranger Strasse in Gelsenkirchen-Erle , den man durch eine hölzerne Schwingtüre betrat, hinter der sich zusätzlich noch ein richtig schwerer, grüner filziger Vorhang befand, der als Wind-, oder Rauchfänger diente, und der an die Seite geschoben werden musste, bevor der von dichtem Qualm vernebelte Blick dann frei war auf die große Theke, die von Männern, überwiegend Bergleute der nahen Zeche Graf Bismarck, mit Zigaretten in den Mündern und Biergläsern in der Hand umstanden war, meist noch ein Pinneken mit Doppelkorn auf dem Tresen vor sich, und in lauten Geprächen vertieft.

Erlerhof
Der äußere linke Teil der Theke besaß ein gläsernes, beleuchtetes Kühlfach, in dem  Frikadellen und Mettbrötchen oder auch Gewürzgurken präsentiert wurden.

Doch oben auf der Theke, dort stand ein riesengroßes Glas, gefüllt mit gekochten Eiern – noch in der Schale – in einer Salzlake schwebend: SOLEIER.
Durch den hohen Salzgehalt der Lake schwammen die Eier im Glas. Sie brauchten auch keine Kühlung.
Bier und Schnaps machten hungrig auf Herzhaftes.
Also bestellte der Gast sich ein Solei, pellte und halbierte es, nahm den gelben Dotter heraus, gab in diese freigewordene Kuhle Öl, Essig, Pfeffer und etwas Salz, legte den Dotter wieder ins Ei zurück, gab darauf noch ein wenig Senf und verzehrte diesen Leckerbissen mit Genuss.

Und nun frage ich mich, ob heute überhaupt noch irgendwo Soleier in Gaststätten angeboten werden.
Gesehen habe ich sie schon lange nicht mehr.

Aber:  Appetit auf so ein leckeres Solei – den habe ich jetzt beim Erinnern bekommen.

Schöne Eiertage!

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Über Lo

Wer im Schatten des Förderturms der Gelsenkirchener Kohlenzeche Graf Bismarck aufgewachsen ist – zu einer Zeit, als man tatsächlich noch vom “schwatten Kohlenpott” sprechen konnte, weil damals “Wäsche auffe Leine” nicht lange weiß blieb, wer sommerliche Badefreuden nicht am blauen Meer, sondern am Ufer des Rhein-Herne-Kanals – der so genannten “Frikadellen-Riviera” – genoss und sich als Kind über “Hasenbrot” freute, was in Wirklichkeit nichts anderes war, als die wieder mit nach Hause gebrachten Stullen, die vom Vater als Bergmann unter Tage nicht aufgegessen wurden, wer schon als kleiner Knirps ganz stolz für 50 Pfennige Belohnung 20 Zentner regelmäßig vor dem Haus angelieferte “schwatte” Deputatkohle in den Keller schippte, der hatte eine vielleicht arme, aber trotzdem abenteuerliche und schöne Kindheit zur Zeit der Pettycoats und des Wirtschaftswunders. Meine Wurzeln sind der Kohlenpott und seine Menschen mit ihrem besonderen, grund”ährlichen” Charm. Gezz weisse Bescheid, oder?
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18 Antworten zu Soleier. Kneipenkultur damals im Pott.

  1. Mallybeau Mauswohn schreibt:

    Lieber Lo!

    Dieses Foto könnte auch die Installation eines aktuellen Künstlers darstellen. Der Osterbrauch ist scheinbar modisch voll im Trend. Wobei die schwebenden Eier auch ein wenig an die meiner Meinung nach gruseligen Lavalampen erinnern. Da wären wir ja dann wieder in einer anderen Zeit angelangt.
    Die von Ihnen angesprochenen Sol-Eier kenne ich auch nur vom Hören-Sagen und habe sie noch nie in Gaststätten auf einer Speisekarte wiedergefunden. Wird es nicht Zeit, dass Sie als Onkel Dotter diese Eierspezialitäten in einer schmucken Imbissbude im Pott wieder aufleben lassen? 🙂

    Herzliche Grüße und eine schöne Eierzeit
    Mallybeau

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  2. Jules van der Ley schreibt:

    Die Erinnerung malt mit goldenem Pinsel. (Chinesisches Sprichwort)
    So ein Glas mit Soleiern habe ich ewig nicht gesehen, aber den Dotter mit Essig, Öl, Pfeffer und Salz anzumachen und ins Eiweiß zurück zu füllen, hat mir mein älterer Bruder beigebracht. Schmeckt toll. Prettige Paasdagen, mein Lieber!

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    • Lo schreibt:

      Van harte bedankt, beste Jules.
      Ja, schmeckt wirklich toll – dazu muss so ein Ei sicher nicht vorher in einer Salzlake gelegen haben.
      Aber es ist schon toll, wie Erinnerungen entstehen. Festhalten muss man sie dann. Am besten sofort.
      Prettige Paasdagen auch für Dich!

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  3. Joachim Dudek schreibt:

    Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Nichts ist mit Soleiern vergleichbar. Ich glaube in den Kneipen geht die „Tradition“ langsam verloren.

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    • Lo schreibt:

      Ja,das ist sehr schade.
      Obwohl: erst durch das Erinnern macht sich das Vermissen bemerkbar.
      Und: man geht heute nicht mehr so in normale Kneipen, wie es damals vor Jahrzehnten war, und Kneipen eine Art Wohnzimmer-Ersatz waren. Wer hatte damals schon einen Fernseher?

      Gefällt 1 Person

  4. Speed schreibt:

    Das ist die leckere Seite von Ostern! (Eindrückliches Erinnerungsbild!)

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  5. Manfred Voita schreibt:

    Das geht schon mal gut los mit dem Eintritt in den Gasthof. Tür, Vorhang. Auch lange nicht mehr so gesehen. Die Frikadellen, in Warendorf bietet eine Kneipe Brotbällchen an, sind, wie die Mettbrötchen, auch auf dem Rückzug. An Soleier in Kneipen kann ich mich nicht erinnern, aber Bier, Korn und Aschenbecher, ja, untrennbar.

    Gefällt 1 Person

  6. quersatzein schreibt:

    Soleier habe ich selber noch nie gesehen oder gar probiert.
    Aber deine Erzählung davon macht neugierig und das farbige Eierbild ist so hübsch präsentiert, dass man Appetit bekommt – auf die Ostertage insgesamt.
    Herzliche Grüsse in den Ostersamstag,
    Brigitte

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  7. rejekblog schreibt:

    Ay Lo,
    danke für deinen Beitrag und die Erinnerung an vergangene Tage. Soleier! Jap, habe ich ganz vergessen. Meine Mutter hatte vor weit über 30 Jahren eine Kneipe in DU.Hochfeld auf der Wanheimerstr. Na gut, man kann sich Fragen: Wer nicht? Denn damals hieß die Wanheimer nicht umsonst: Die längste Theke der Welt. Kneipen über Kneipen. Da sprach niemand von St. Pauli oder Düsseldorfer Altstadt. Bei ihr gab es neben selbstgemachten Frikos auch Soleier, die, wie von dir so schön beschrieben, auf e Theke standen. Ich mochte diese allerdings überhaupt nicht. Nicht die Spur. In DU-Rheinhausen gibts noch den alte Kneipe, in der ich früher häufig Mittagessen ging. Jägerschnitzel, Fritten, Krautsalat mit Dosenmilchdressing. „Zum Reichsadler“ auf der Atroper Straße. Der olle Kaiser Wilhelm, soll da mal um 1900 ein Bier getrunken haben, daher der Name. Hier trinkt man noch Asbach-Cola. Mein Gott! Wer trinkt noch ein Asbach Uralt und das mit Cola? Ich, zum Schnitzel. Da fahre ich die Tage hin und schau mal, ob die alte Dame noch Soleier hat. Würde mich nicht wundern. Danke nochmal.

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  8. Lo schreibt:

    Jau!
    Krautsalat mit Dosenmilchdressing!
    Damit bin ich aufgewachsen.
    Asbach und Cola.
    Wie lange ist das schon her?
    Gib doch bitte mal bescheid, ob Du tatsächlich Soleier in Rheinhausen entdecken konntest!
    Beste Grüße und schöne Eiertage!

    Gefällt 1 Person

  9. noemix schreibt:

    Auch meine Oma stellte noch Soleier von ihren selbst gehaltenen Hühnern her, ich erinnere mich an das riesige 5-Liter-Einmachglas im Regal in ihrer Speiskammer. In den 60er-Jahren gab es noch nicht in jedem Haushalt einen Kühlschrank, und Soleier waren freilich ohne Kühlung länger haltbar. Das Riesenglas mit Soleiern gehörte auch zum obligaten Standardinventar bei jedem Branntweiner.

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  10. Ruhrköpfe schreibt:

    Soleier kenne ich auch nur vom Hören-Sagen. Womöglich setzt du gerade einen neuen Gastro-Trend in Gang 😉

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  11. Herr Ösi schreibt:

    Lieber Lo,

    endlich mal ein Kochrezept, dass auch der Ungeübte mit ein bisschen Geschick imstande ist nachzukochen. Bis auf die Eier hatte ich bereits alle Zutaten im Haus. Und schmecken tut es auch noch … was sage ich, es mundet hervorragend.

    Dafür gebühren Ihnen mindestens 5 Sterne, also, kurz gesagt die Höchstnote … 🙂

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